Emotionale Abhängigkeit

Wenn dir das folgende Gefühl: „Ohne ihn kann und will ich nicht mehr leben oder ohne ihn schaffe ich das alles nicht, ich brauche ihn, er ist das Beste, was mir je wiederfahren ist“ bekannt vorkommt, dann kann es durchaus sein, dass du von deinem Partner emotional abhängig bist. Oftmals fällt uns diese emotionale Abhängigkeit der anderen Person gegenüber zunächst überhaupt nicht auf, weshalb wir erst im Nachhinein bemerken, dass wir uns in einer nicht gesunden Beziehung befinden.

Wie konnte es nur soweit kommen ? 

Was am Anfang einer Beziehung noch als durchaus romantisch empfunden wird oder auch als Hals über Kopf in den anderen verliebt zu sein bezeichnet wird sollte jedoch nach einer gewissen Zeit abklingen, sodass man durchaus dazu im Stande ist ein realistisches Bild von seinem Partner zu haben. Man sollte die Beziehung als Ganzes nach einer gewissen Zeit viel realistischer betrachten können und dementsprechend sein eigenes Lebensglück nicht mehr von dieser einen Person abhängig machen. [1]

Es gibt jedoch einige Menschen, denen dieser Übergang aus der Sicht der rosaroten Brille bis hin zu einer realistischen Betrachtung der Situation als Ganzes nicht gelungen ist, weshalb sie sich und somit auch ihr eigenes Lebensglück nur von dieser einen Person abhängig machen. Diese Abhängigkeit wird dann als „emotionale Abhängigkeit“ bezeichnet. 

Emotionale Abhängigkeit

Doch was kannst du dir jetzt genau unter dieser Abhängigkeit vorstellen? 

Wenn wir von einer Person emotional abhängig sind, sind wir ihrem Verhalten praktisch ausgeliefert. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass du während deiner Beziehung, selbst wenn ihr noch so glücklich seid mit sehr großen Verlustängsten zu kämpfen hast, weil du dir jederzeit aufs Neue sagst, dass du den Verlust dieser Person niemals überleben könntest. Dementsprechend machst du dein eigenes Lebensglück komplett von dem Verhalten dieser einen Person abhängig. Denn wenn es wirklich dazu kommen sollte, dass sich dein Partner dazu entscheidet, völlig unabhängig davon aus welchen Beweggründe heraus er das auch tun mag- dich zu verlassen, wird bei dir eine ganze Welt zusammenbrechen. Diese Auswirkungen können von einer Abnahme deiner Interessen bis zu einem völligen Aufgeben deiner Selbst reichen. 

Des weiteren handelt es sich auch um eine emotionale Abhängigkeit, wenn diese nur auf einer Einseitigkeit beruht. Das bedeutet, dass nur du von deinem Partner abhängig bist – dieser jedoch komplett unabhängig von dir ist. Natürlich wird er nach dem Beenden eurer Beziehung auch sehr traurig sein, jedoch wird er das mit dem Unterschied sein, dass er sein eigenes Lebensglück von diesem Umstand nicht derart beeinflussen lassen wird, sodass er sich komplett selbst aufgibt. 

Co-Abhängigkeit

Wenn dein Partner von dir jedoch ebenfalls emotional abhängig ist, sodass er sich zum Beispiel nur durch dich in seinem eigenen Leben gebraucht fühlt, und darin seine einzige Berechtigung seiner Existenz sieht, dann unterstütz er deine eigene emotionale Abhängigkeit ihm gegenüber noch mehr, sodass von einer „Co-Abhängigkeit“ die Rede ist.  [1] 

Typische Verhaltensmuster 

Deine Gedanken sind von ihm besessen

Das bedeutet, dass du dir durchgehend um ihn, sowie auch über dein eigenes Verhalten ihm gegenüber Gedanken machst. Du fragst dich zum Beispiel was du am besten wie machen solltest und was du um jeden Preis vermeiden solltest. 

Das hat im Umkehrschluss zur Folge, dass du dein eigenes Leben komplett auf diese einen Person ausrichtest und dementsprechend dein eigenes Leben, insbesondere dein sozial Leben völlig vernachlässigst. Sobald dein Partner einmal nicht dabei sein sollte bist du sehr unzufrieden und hast direkt das Gefühl, dass du ohne ihn auf nichts und niemanden mehr Lust hast. 

Dein Fokus im Leben ist somit ausschließlich auf deinen Partner ausgerichtet. 

Zudem hat eine emotional abhängige Person auch oftmals das Gefühl ihren Partner viel mehr zu lieben, als es dieser umgekehrt tut. [1]

Sehr große Verlustängste 

Wie schon zuvor erwähnt, hast du durchgehend mit enormen Verlustängsten zu kämpfen deinen Partner (eventuell) jederzeit verlieren zu können. 

Diese Gedanken führen dann dazu, dass du (oftmals unbewusst) immer wieder nach sehr viel Anerkennung, Bestätigung und Zuneigung suchst und im schlimmsten Fall sehr eifersüchtig und kontrollsüchtig wirst. [2]

Du fängst zum Beispiel damit an seine Sachen, sowie auch seine Chat Verläufe zu durchsuchen, weil du ihm nicht mehr ausreichend Vertrauen entgegenbringen kannst. Oder du beginnst damit überall mit ihm mitkommen zu wollen oder dir lauter Horrorszenarien auszudenken, sobald er nicht direkt antworten sollte oder sich etwas verspätet.

Du weißt nicht, wie du ohne deinen Partner leben solltest

Alleine schon der Gedanke daran, dass eure Beziehung eines Tages vorbei sein könnte versetzt dich in lauter Panik und Angstzustände, sodass du darüber nicht mal im entferntesten denken kannst. Dadurch hast du auch mit Gedanken, wie dass dein eigenes Leben ohne deinen Partner nichts mehr Wert sei zu kämpfen. 

Wenn du emotional Abhängig bist bedeutet das demnach nichts anderes, als das du dich selbst verlierst. [1]

Du bist weder dazu in der Lage allein zu sein, geschweigen denn in dieser Zeit dazu im Stande irgendetwas zu tun, was dir früher einmal gut getan, oder spaß gemacht hat. Du glaubst nie wieder allein sein zu können und bist demnach nur noch von der Zuneigung, dem Verhalten deines Partners abhängig.

Der Teufelskreis 

Das größte Problem hierbei ist, dass es sich um einen Teufelskreis handelt. Emotional Abhängige Menschen haben vor dem Verlust ihres Partners am meisten Angst und verhalten sich gleichzeitig unbewusst/ oder auch bewusst genau so, dass der Partner irgendwann gar nicht anders kann, als diese Person aufgrund ihrer Verhaltens zu verlassen. Daraufhin bestätigt sich die große Verlustangst des Betroffenen weshalb derjenige jeglichen Boden unter den Füßen verliert und denkt alleine nichts mehr wert zu sein, weil sich sein ganzer Lebensinhalt ausschließlich um seinen Partner gedreht hat. 

Demnach kann sich das in zwei Verhaltensweisen äußern:

  1. Selbst nach Monaten oder auch mehreren Jahren denken die Betroffenen nach wie vor noch, dass ihr Leben ohne ihren ehemaligen Partner einfach nichts mehr wert ist und somit auch gar nicht mehr funktionieren kann. 
2. Der Betroffene stürzt sich unmittelbar nach dem Verlust des Partners bzw nach dem Ende der Beziehung in die nächste, um unter keine Umständen mit dem „Alleinsein“ konfrontiert werden zu müssen. Derjenige benötigt sofort die Zuneigung, Anerkennung und „Liebe“ einer neuen Person um das Gefühl zu bekommen etwas Wert zu sein, selbst wenn der Betroffene diese Gefühle gar nicht wirklich erwidern kann. Es geht hierbei einzig und allein darum sich durch die Bestätigung einer anderen Person wieder wertvoll zu fühlen. 

Diese Verhalten ist zum einen unglaublich schädlich für den Betroffenen selbst, weil dieser ständig mit der Angst zu kämpfen hat wieder verlassen werden zu können.  Gleichzeitig ist es aber auch sehr unfair der anderen Person gegenüber, die wirklich etwas empfindet und somit nur „ausgenutzt“ wird, da sie lediglich als ein Mittel zum Zweck dient. 

Leidensäußerungen des Betroffenen: 

  • Sehr starke Verlustangst 
  • Schlafprobleme 
  • Panik 
  • Unsicherheit 
  • Psychosomatischen Problemen 
  • Konzentrationsprobleme 

Wie entsteht emotionale Abhängigkeit? 

Frühe Verlusterfahrung 

Wenn der Betroffene aufgrund eines Todesfalls, nicht genügend Liebe und Zuneigung seiner Eltern ihm gegenüber oder aufgrund der Scheidung seiner Eltern schon während seiner Kindheit einen großen Verlust durchleben musste, kann es sein, dass der Betroffene schon sehr früh „gelernt“ hat kein Vertrauen in andere Menschen zu haben.  Als Kinder sind wir zu 100% von unseren Eltern abhängig und wenn dieser aus welchen Gründen auch immer nicht dazu in der Lage sind für uns ausreichend da zu sein und uns genügend Liebe entgegen zu bringen bedeutet das für ein Kind, dass es sich in einer Lebensbedrohlichen Situation befindet. [1] 

Und das ist exakt der Grund, durch den dieser Grundgedanke der Abhängigkeit von einer anderen Person, ohne diese eine Person nicht mehr leben zu können entstanden ist. Und dieses Gedankenmuster mit der damit einhergehenden Verlustangst zieht dich dann (angefangen in der Kindheit), bis hin ins späte erwachsenen Alter fort. [1]

Wenn wir also „lernen“ anderen Menschen kein Vertrauen entgegenbringen zu können versuchen wir im Umkehrschluss in unseren Beziehungen eine Form der Sicherheit zu finden die so aber gar nicht wirklich existieren kann. [1]

Ein sehr niedriges Selbstwertgefühl 

Wenn wir während unserer Kindheit viel vernachlässigt wurden sind, sowie auch sehr viel mit negative Kritik, Misshandlungen oder abwesende Eltern konfrontiert wurden hat das nicht nur negative Auswirkungen auf unsere zukünftigen Beziehungen sondern eben auch auf unser eigenes Wohlbefinden, auf unser Selbstbild

Durch diese negativen Erfahrungen entwickeln wir das Gefühl nicht gut genug, nicht liebenswert oder klug und schön zu sein. [1]

Und dieses negative Selbstbild nehmen wir bis in unser spätes erwachsenen Alter mit. Sobald wir dann auch noch eine Person „finden“ die uns liebt und uns dieses Gefühl etwas wert zu sein entgegenbringt, wir jedoch nach wie vor nicht dazu in der Lage sind uns diese Anerkennung selbst entgegenzubringen werden wir uns immer wieder aufs Neue von dieser zweiten Person abhängig sein. Dementsprechend fühlen wir uns berechtigt und gut solange diese Person bei uns ist und sobald diese Person aus unserem Leben „verschwindet“ fallen wir in ein unglaublich tiefes und oftmals auch sehr selbstzerstörerisches Loch, weil durch das abhandenkommen dieser Person auch unsere Berechtigung auf ein schönes Leben verschwunden ist.

Gelernte Abhängigkeit

Wenn wir während unsere Kindheit mitbekommen haben, wie sich eines unserer Elternteile immer wieder für das andere aufgeopfert hat, nur über den eigenen Partner definiert hat und sich somit entsprechend komplett von diesem abhängig gemacht hat kann es dazu gekommen sein, dass der Betroffene als Kind entsprechend „gelernt“ hat, dass diese Haltung, diese Art des Zusammenlebens völlig normal ist. [1] Derjenige denkt somit, dass nur diese Art des Zusammenseins richtige Liebe sei und versucht natürlich dementsprechend dieses Verhaltensmuster auch in seinem eigenen Leben so umzusetzen. [1]

Emotionale Abhängigkeit = eine Sucht? 

Einige Verhaltensmuster von Süchtigen gleichen sich auch denen eines emotional abhängigen Menschen. 

  • Zwanghaftes Verhalten – sich dem Partner komplett zu unterwerfen oder ohne diese Person nichts wert zu sein 
  • Kontrollverlust – obwohl man sich der Situation durchaus bewusst ist, ist der Betroffene nach wie vor nicht dazu in der Lage an dieser etwas zu ändern 
  • Entzug Symptome– schon der Gedanke an einen möglichen Verlust löst derartige negative Gefühle aus, sodass der Betroffene nicht glauben kann jemals ohne diese eine Person leben zu können. [1]

Emotionale Abhängigkeit überwinden

Wie auch jede andere Sucht ist es durchaus möglich emotionale Abhängigkeit zu überwinden. [1] Es ist jedoch ein sehr langer und sehr aufwendiger Weg um das zu schaffen, da es sich hierbei um grundlegende und damit eben sehr stark verankerte Verhaltensmuster handelt. 

Doch auch hier gilt, dass die Selbsterkenntnis der erste Schritt zu Heilung ist. 

Wie schon zuvor erwähnt ist es vielen Betroffenen durchaus bewusst, dass sie sich in einer ungesunden Situation befinden, jedoch nicht dazu in der Lage sind da von alleine wieder raus zu kommen. Demnach wird Betroffenen geraten, sich an eine außenstehende Person zu wenden und im besten Falle psychologische (professionelle) Hilfe hinzuzuholen. 

Quellen

[1] https://www.youtube.com/watch?v=DHqsH4u7TWA

Isabel Valentin

Stress und Leistungsdruck sind der oftmals überambitionierten und jungen Berlinerin Isabel Valentin kein Fremdwort. In dem dynamischen Hauptstadtleben hat sie schnell realisiert, wie wichtig eine ausgeglichene Balance zwischen Alltagsstress und Selbstfürsorge ist, weshalb sie sich im Laufe der Zeit zu einer wahren Calm Down Expertin entwickelt hat.

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